Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Hölzer, Kleber, etc.
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bowa
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Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von bowa »

Hi,

mir spukt schon seit Tagen so ne Frage im Kopf rum.
Mein Haselnussstämmchen trocknet ja noch ein bißchen vor sich hin.

Irgendwie kommt bei Themen rund um Haselnuss immer so ein kleiner Beigeschmack mit rüber.
So was wie:
Anfängerholz...was für Kinderbögen...haben wir ja alle in der Kindheit gemacht. so als ob es nichts halbes aber auch nichts ganzes ist.

In anderen Beiträgen wird Haselnuss wieder gelobt und als "unterschätzt" dargestellt. Und man findet ja hier mehr als genug sehr schöne Haselnussbögen.


Woher kommt es das Haselnuss immer etwas stiefmütterlich betrachtet wird?
Oder verstehe ich das nur falsch und es ist beispielsweise ein Anfängerholz weil es leichter zu bearbeiten ist, was ja nicht heisst dass es deswegen schlechter ist. Oder wird es nicht als so "wertvoll" betrachtet weil es so leicht zu beschaffen ist? Und einfach kein oder nur selten Nutzholz ist, bzw. als solches angepflanzt wird.

So ich hoffe ich hab einigermaßen verständlich rübergebracht was ich meine ;)
Zumindest glaube ich bei dieser Frage wieder viel lernen zu können.
Neun von zehn Stimmen in meinem Kopf sagen ich bin nicht verrückt.
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walta
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von walta »

Also da wurde schon seitenweise darüber diskutiert (und vor allem philosophiert).
Ursprünglich ist hier im Forum auch die Haselnuss belächelt worden - bis die ersten ordentliche Bögen aus Haselnuss gebaut haben und nicht als Kinderbogen sondern mit 50 oder 60 Pfund (oder mehr). Dann wurde die Haselnuss ordentlich ausprobiert und als Bogenholz für tauglich befunden.
Es gibt eine tolle Aussage (ich weiss nicht mehr von wem): "Wenn Haselnuss selten wäre dann wäre es ein begehrtes Bogenholz"

Was den Wert der Haselnuss mindert ist sicher die Tatsache das es genug davon gibt - also bauen viele Anfänger damit - und erzeugen jede Menge "nicht ganz so optimale" Bögen - folglich ist es ein Anfängerholz und für Kinderbögen geeignet - so ungefähr zumindest ;-)

Ich selber hab auch schon die Erfahrung gemacht das man milde belächelt wird wenn man sagt der Bogen ist aus Haselnuss - aber nur so lange bis man dem Lächler den Bogen in die Hand gibt und ihn mal ziehen lässt - 50 Pfund wird bei einem Kinderbogen einfach nicht erwartet ;-)

Übrigens so ähnlich wie bei meinem Rattan - der hat auch 50 Pfund :-)

walta
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Lord Hurny
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von Lord Hurny »

Das tolle an Hasel ist, es ist ein gutes Bogenholz, qausi überlall in unseren Breiten verfügbar, schnell zu trocknen und leicht zu bearbeiten.
Es ist, wenn man so will, das ideale Holz um mal schnell am Nachmittag einen Bogen zu bauen oder an den diversen Designs sein Geschick zu testen bzw. zu verfeinern.

Dieses Holz trägt viel dazu bei die klasische Einstiegsbarriere "teures Bogenholz" zu schwächen, darum ist es eines der wichtigsten Bogenhölzer überhaupt, ideal um Neulinge zu Ködern, die eigenen Fertigkeiten zu schulen und irgendwann aus eben diesem oft geschmähten Holz ein Meisterstück zu bauen.
lg,
Lord Hurny

der manchmal den Bogen überspannt...
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Blacksmith77K
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von Blacksmith77K »

Meine Erfahrung sagt:

-Hasel lässt sich gut bearbeiten.

-Hasel bringt schöne Bögen bis etwa 40#. Will man mehr Zugkraft, wird die Dimensionierung des Bogens etwas seltsam.

-Biegt sich schön und lässt sich als flacher oder linsenförmiger Bogen auch zu guter Wurfleistung bringen.

...ABER:

-das Holz ist weich und speichert nicht viel Energie

-im Vollauszug schwindet die Zugkraft

-die Rückstellkraft ist 'moderat'. Im Vergleich zu Holunder, der genauso gut zu bearbeiten ist, schwächelt der Hasel doch stark in der Performance.

-Druckfestigkeit/Toleranz ist, sagen wir mal, grenzwertig.
...du biegst nicht den Bogen, der Bogen biegt Dich!

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...and several yew warbows...
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Galighenna
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von Galighenna »

Ja, genau so ist es. Haselnuss ist ein sehr leicht zu beschaffendes Holz und es wird Anfängern empfohlen weil es ein gutes Holz ist, das gleichzeitig leicht zu bearbeiten ist. Es verzeiht den ein oder anderen Fehler, aber ohne Gurkig zu sein.
Gleichzeitig ist es auch ein gutes Holz für tolle Bögen denn es hat eine Menge netter Eigenschaften. Es lässt sich toll bearbeiten, es ist relativ leicht, hat eine ganz gute Rückstellkraft, es lässt sich gut in Formen biegen oder auch tempern, z.B. mit der HLP und beim Finish kann man es sehr gut beizen.
Leistungsfähig und geeignet für höhere Zuggewichte ist es dabei des öfteren auch noch, sofern man gutes Holz hat und entsprechende Fähigkeiten.

Haselnuss ist also eine Art eierlegende Wollmilchsau. Es ist super für Anfänger, da man leicht zu einem passablen Ergebnis kommt und es leicht zu beschaffen ist, gleichzeitig ist es aber auch Leistungsfähig und ergibt auch für höhere Ansprüche fortgeschrittene Techniken gute Bögen.
Ich arbeite zur Zeit z.B. auch an einer Haselnuss und ich finde das Holz toll.
Die Vielzahl an Anfängerbogen macht halt, das viele Leute das Holz einfach unterschätzen. Aber wer es einmal richtig benutzt hat weiß was drinsteckt.
Übel übel sprach der Dübel,
als er elegant und entspannt
in der harten Wand verschwand

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Selfbower
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von Selfbower »

Also ich muss immer wieder feststellen, dass Haselnuss leider als "Anfängerholz" abgetan wird. Dabei ist Haselnuss aber, so wie ich denke, nur auf der Basis der Beschaffbarkeit ein "anfängerfreundliches" Holz. Will man einen gute und vor allem effizienten Bogen aus Haselnuss bauen, dann muss man schon einiges an Erfahrung mitbingen. Gerade die Drucktoleranz ist bei Haselnuss eben nicht so gut. Man braucht einen wirklich guten Tiller, um Stauchrisse zu vermeiden. Und gerade daran scheitert es ja bei Anfängern oft. Stauchrisse werden dann hingenommen und einfach der nächste gebaut ;) und gerade DAS ist ja das tolle an Haselunss. Wächst überall, ist leicht zu beschaffen und wenn man erstmal nur bei Haselnuss bleibt, kann man wunderbar daran wachsen. Wenn man dann mit Haselnuss einen Bogen gebaut hat, der KEINE Stauchrisse hat, der KEIN über das Normale hinausgehende Set hat, der darüber hinaus auch noch KURZ genug ist, um moderate bis hochklassige Wurfleistungen zu bringen, würde ich sagen, dass man das nötige Rüstzeug hat um dann aus anderen noch hochklassigeren Hölzern Bögen zu bauen, welche sich nahe am Limit bewegenund das ein Optimum an Leistung bei größtmöglicher Lebensdauer ergeben. Natürlich kann man das auch auf anderen Wegen erreichen, aber an Haselnuss kann man, wie ich denke, wirklich wunderbar wachsen!! :)

Deswegen sage ich immer: Haselnuss ist ein gutes Einsteigerholz, was auch mit Stauchbrüchen noch einigermaßen schießt und dann nicht direkt in die Tonne gekloppt werden muss. Ein gutes Fortgeschrittenenholz und auch ein Holz für Experten, wenn es darum geht mit einem manchmal zickigen Holz wirklich das letzte fps herauszukitzeln.

die Druckfestigkeit ist wie gesagt nicht so gut, kann aber durch frühzeitiges Tempern angehoben werden.

Ich finde Haselnuss gerade ideal, wenn man Bögen haben will, welche bei kurzem Auszug geschossen werden!

LG. Daniel

...der bisher bis auf wenige Ausnahmen nur Haselnuss und Eibe verbaut hat.
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arcus
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von arcus »

Blacksmith77K hat geschrieben:Meine Erfahrung sagt:
-Hasel lässt sich gut bearbeiten.
-Hasel bringt schöne Bögen bis etwa 40#. Will man mehr Zugkraft, wird die Dimensionierung des Bogens etwas seltsam.
-das Holz ist weich und speichert nicht viel Energie
-im Vollauszug schwindet die Zugkraft
-die Rückstellkraft ist 'moderat'. Im Vergleich zu Holunder, der genauso gut zu bearbeiten ist, schwächelt der Hasel doch stark in der Performance.
-Druckfestigkeit/Toleranz ist, sagen wir mal, grenzwertig.

ich Protestiere ! ;D ;D ;D teilweise

ich hab einen ganz schlanken Flachbogen aus Hasel mit 50 lbs --habe auf dem Rücken die Rinde draufgelassen und er ist getempert.
Durch das Tempern gewinnt der Bogen unheimlich an performance. Geschwindigkeit 159 fps mit Pfeil 10gpp und 14 Strang FF+


Arcus
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Blacksmith77K
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von Blacksmith77K »

arcus hat geschrieben: Durch das Tempern gewinnt der Bogen unheimlich an performance. Geschwindigkeit 159 fps mit Pfeil 10gpp und 14 Strang FF+


Arcus

Rischtisch... ich rede von 'ungepimpten' Hölzern. ;)
...du biegst nicht den Bogen, der Bogen biegt Dich!

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bowa
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von bowa »

Dann ist sogar schon eine Frage beantwortet die ich noch garnicht gestellt hab.
Ich hab mich schon gefragt wofür das "toasten" gut ist ;D
Neun von zehn Stimmen in meinem Kopf sagen ich bin nicht verrückt.
Die zehnte summt die Melodie von Tetris.
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von Snake-Jo »

...und weil man aus Haselnuss relativ schnell einen Bogen herstellen kann, bleibt noch Zeit für ein paar Extras:
2010_06220012.jpg
Legolas-Typus mit Schlangenhaut belegt, 50 lb/28"
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von Ravenheart »

Es gibt halt 2 Sorten von Menschen:

Die einen sagen:
"Daraus kann doch jedes Kind nen Bogen bauen - also ist es ein KINDER-Bogenholz!".

Die Anderen sagen:
"Daraus kann sogar jedes Kind nen Bogen bauen - also ist es ein SPITZEN-Bogenholz!"

Das ist so ähnlich wie bei meine Oma damals...:
Ich hab als Kind mir immer die Mühe gemacht, bin mit dem Fahrrad losgefahren und habe Wiesenblumensträuße für sie gepflückt, gekaufte Blumen wollte ich nicht, die waren mir zu "unpersönlich"!
Bis Oma eines Tages meinen Strauß lieblos in ein Wasserglas gestopft in der Küche lies - und als ich fragte, ob sie sie nicht in eine Vase stellen möchte, sagte: "Ach nee, da sind ja bloß Selbstgepflückte, dafür mach ich nu keine Vase schmutzig...!"

Will sagen: Wertschätzung liegt im Wertesystem des Betrachters. Das kann man nicht verallgemeinern.
Dass ein Bogenholz einen "Leistungsbereich" hat, der bei Hasel eher NICHT bis in den Warbowbereich geht, ist sicher richtig - aber AUCH nur dann ein Mangel, wenn das Wertesystem des Betrachters "Qualität = Warbowtauglich" vorgibt.

Hasel IST ein gutes Bogenholz. My2ct...

Rabe
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OlliZ
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von OlliZ »

Also ich (bin ja noch Bogenbau-Anfänger) habe jetzt 2 schiessbare Haselnussbogen gebaut. Einer mit 40+ und einer mit 30 Pfund und ich muss sagen die Bögen machen auch auf dem Parcour einen super Eindruck. Auch was die Schussweite angeht.
Und ich freue mich schon wenn ich mich wieder an die Arbeit mache um weitere schöne Haselbögen zu bauen.

Anfängerholz hin oder her es ist kostenlos und überall verfügbar und im gegensatz zu meinem teuer eingekauften Hickory-Rohling brechen sie auch nicht nach 100 Schuss einfach ab....

LG Olli
“Mit dem Wissen wächst der Zweifel”
(J.W.v.Goethe)
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eddytwobows
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von eddytwobows »

Ich würde mal ganz stumpf sagen, daß man den Ausführungen von Selfbower und dem Raben kaum noch etwas hinzuzufügen bräuchte... :) :)

Außer vielleicht, daß der angeblich "schlechte Ruf" und das "Stiefmütterliche belächeln" dieses fantastischen Bogenholzes aus der Ecke solcher Leute kommt, für die etwas, was quasi fast jeder haben, besorgen, bearbeiten kann, den "Geruch des ordinär-gewöhnlichen" an sich haften hat... und das geht ja nu schon mal gar nich...und dann auch noch selbstgemacht, statt beim Fachhändler gekauft... nenenene, sowas KANN ja nix gutes sein... ::) ;) :D :D

LG
etb
Das Volumen einer Minute ist gleich Universal ist gleich die liegende Acht. A. Be.
Die Perversitaet des Universums strebt einem Maximum zu.
Alles was schiefgehen kann wird auch zwangslaeufig schiefgehen. Larry Niven
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bowa
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von bowa »

Vielen vielen Dank. Genau solche Antworten hab ich mir erhofft.
Nicht nur weil ich jetzt weiß dass es ein gutes Holz ist sonder auch weil mit den Gerüchten mal aufgeräumt ist.

Ich hab schon "befürchtet" dass es nur so ne "Wat nix kostet is auch nix" Kiste ist, und mehr am "forstwirtschaflichen Wert" als an der Qualität des Holzes liegt, aber jetzt ist das auch bestätigt. ;D
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walta
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Re: Hasselnuss- "Schlechter" Ruf

Beitrag von walta »

ich hab mal einen Bogenbauer getroffen der hat auch milde gelächelt als er Haselnuss gehört hat - und hat mir dann erklärt das das einzige ware Holz für einen Bogen Eibe ist - aber das ist einen andere Geschichte.

walta
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