Im Mittelalter ist es gar nicht so leicht, Glaube und Wissenschaft zu trennen, selbst die "reine" Theologie mit Gebieten wie Kirchengeschichte, Kirchenrecht, Dogmatik etc. entspricht weitestgehend heutigen Wissenschaftsstandards wenn man ein paar Glaubensaxiome annimmt. Das Hexen existieren und zaubern können oder dass man die Zukunft prophetisch voraussagen kann, war keine Sache von Aberglauben, das war Stand von Wissenschaft und Technik - die Abhandlungen, die darüber verfasst wurden, entsprachen zum Großteil dem damals aktuellen Anspruch an "gute Wissenschaftspraxis". Erst mit den großen Fortschritten im Bereich der Empirie, Statistik und (erst danach!) Wissenschaftstheorie war es möglich, mit bestimmten Ansichten aufzuräumen.
Auch heute ist es für ([natur]wissenschaftlich) wenig gebildete Menschen oftmals sehr schwierig, den Glauben an bestimmte Dinge von wissenschaftlicher Gewissheit bzw. wissenschaftlicher Erklärbarkeit zu unterscheiden (am besten kann man das meiner Meinung nach im Bereich Medizin und Ernährung sehen, wo tradiertes "Wissen" mit medizinischem "Halbwissen" und persönlicher Meinung munter durchmischt wird)...
Dem gegenüber steht Aberglaube mit Ansichten, die nach gängigem Stand der Wissenschaft als widerlegt gelten können - so können heute scheinbar zutreffende Zukunftsvoraussagen mit Modellen erklärt werden, die zeigen, dass dafür keine übernatürlichen Effekte notwendig sind (Barnum-Effekt, Cold Reading). Obwohl es keine allgemein gültige Definition von Aberglaube gibt, würde ich ihn von "religiösem" Glauben insofern abgrenzen, dass Aberglaube Aussagen trifft, die sich empirisch / statistisch testen lassen während religiöser Glaube auf nichtwiderlegbaren Annahmen basiert (mit unseren derzeitigen Methoden können wir z.B. die Existenz Gottes weder final belegen noch widerlegen, auch alle theologischen Gottesbeweise setzen letztlich voraus, dass man von der Existenz Gottes ausgeht).
Um den Bogen zum Threadthema zu schlagen: Ich bezweifle, dass Nostradamus oder andere seiner Zeitgenossen die Möglichkeit hatten, ernsthaft Voraussagen für die Zukunft zu treffen. Die besten Voraussagen unserer Zeit können wir für astronomische Maßstäbe in astronomischen Zeiträumen treffen (z.B. das Schicksal unserer Sonne für die nächsten paar Milliarden Jahre), je kleiner der Maßstab wird und damit mit steigendem Anspruch an die Genauigkeit der Aussagen, desto schwerer wird es (von der Wettervorhersage, die mit ausreichender Genauigkeit für ungefähr drei Tage zu leisten ist bis zum Schicksal einzelner Radionuklide, für die man nur statistische Zerfallswahrscheinlichkeiten und keine Zeitpunkte voraussagen kann).
Wer sich für Nostradamus interessiert, dem kann ich folgende Artikel empfehlen:
Wie analysiert man Nostradamus-Verse I
Wie analysiert man Nostradamus-Verse II
Wie analysiert man Nostradamus-Verse III
Wie analyisert man Nostradamus-Verse IV