Einer der Bogenbauer hat noch nie einen Bogen fertig bekommen.... Er ist Anfänger... Er gibt sich alle Mühe mit seinem sehr begrenzten Erfahrungen und seinem sehr begrenzten Wissen... Er geht an seine Grenze... Er geht ein kleines Stück über seine Grenze hinaus, er fertigt einen funktionsfähiges Bogen, handwerklich auf niedrigem Niveau, er fragt sich am nächsten Tag ob wirklich er es war, der diesen Bogen erschaffen hat und hat das Gefühl ein Geschenk erhalten zu haben... Die anderen 9 Bogenbauer haben viel Erfahrung, fertigen Bogen auf handwerklich hohem Niveau, aber keiner ist damit an seine Grenze gegangen, jeder hat das Gefühl er habe etwas Großes alleine geschaffen... Welcher der Bogen ist Kunst?
Die Frage impliziert, dass es eine objektiv feststellbare Kunst gibt.
Das sehe ich nicht so, ich würde sagen, dass Kunst dann vorhanden ist und wirkt, wenn es zu einer Berührung zwischen Objekt (dem Kunstgegenstand) und Subjekt (dem Betrachter kommt).
Das würde vom Absoluten zum Relativen führen.
Wenn man sich die Malerei anschaut, da gibt es z.B. den Expressionismus und im Gegensatz die primitiv erscheinende naive Malerei. Beide Formen haben ihre Anhänger, die sich von der einen oder anderen Malerei berührt fühlen.
Und dieses „berührt sein“, das erscheint mir wichtig. Allerdings nur, wenn es dazu führt aus seinem gegenwärtigen Bewusstsein herausgehoben zu werden.
Der umgekehrte desstruktive Weg ist ja auch möglich, der Nationalsozialismus hat auch berührt – desstruktiv, er hat nicht herausgehoben, er hat in den Abgrund geführt.
Somit ist Kunst konstruktive Persönlichkeitsüberschreitung, relativ, berührend.
Ein jeder Kunstkenner oder Kunstkritiker kann er sich also auch gleich Idiot nennen.
Damit kommen wir wieder zum Kyudo (wegen der Idioten):
Widerspiegeln tut sich das in den Worten von Yabusame und auch in meiner Erfahrung, nämlich dem Empfinden, dass an dem Prozess außer mir noch" etwas" anderes beteiligt ist...
"es schiesst"....
Mir ist zwar nicht bewusst, dass ich das im Kyudo berühmt berüchtigte „es schießt“ verwendet habe, aber:
Es kann durchaus zu einem solchen Eindruck kommen, wenn da ein Schuss gelingt, der „anders“ ist als die anderen, ein Schuss der mich zum Innehalten zwingt, zur Frage: Was war das ?
Ich würde aber nicht behaupten, dass “es“ abgesondert von mir ist, „es“ hat lediglich dazu geführt innezuhalten, zu mir selbst zu kommen, mich zu berühren - vieleicht ein Kunstschuss.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt würde ich zusammenfassend sagen:
Dass Kunst etwas mit Können zu tun hat, aber Können nicht alles ist.
Dass Kunst individuell ist, aber beidseitig, der Schaffende und der Betrachter finden sich, bilden eine Einheit.
Dass Kunst letztendlich kein Niveau kennt, weder im Können noch in besonderer Individualität.
Damit wird jeder abgeholt, wo immer er auch steht - eine hohe Kunst.
Alles ist gut (fast alles)
Yabusame